Sichtweisen

Eben komme ich von einer Fotoausstellung. Vier ortsansässige Fotografen haben in einer Firma für Spezialverpackungen (deren Produkte an sich schon teilweise Kunst sind) ihre Fotos ausgestellt. Bei Musik, Orangensaft, Sekt und Häppchen konnte man die verschiedenen Sichtweisen der Herren auf sich wirken lassen. Für mich war es faszinierend, was für Bilder man dort sieht.

Teilweise echte Schmunzler wie das Plakat mit einer Gruppe hübscher junger Damen und darunter eine Gruppe Polizisten in Uniform. Auf dem Plakat die Schrift „Wir machen Party“ 😉

Dann die stark verdichtete Straßenszene (Teleobjektiv), dunkle Autos mit roten Ampeln und Bremslichtern gegen den hellen Himmel am Ende der Straße, und mittendrin, direkt im Goldenen Schnitt die Silhouette eines Fußgängers, das einzige Lebewesen im Blechdschungel, nicht deutlicher als ein Scherenschnitt.

Oder Schnee- und Wüstenlandschaften, deren langweiliger Charakter durch ein in das Bild geworfenes Tuch oder eine Sandwehe interessant gemacht wurde.

Auch die Frage der Präsentation war sehr interessant. Übermannsgroße Portraitfotos aus der Reihe „Nach der Arbeit“ aus Asien und Deutschland. Dazu wollte ich von dem Künstler wissen, warum er unterschiedliche Rahmen für die 4 Fotos genommen hätte. Ich dachte an so was komplexes wie „dunkles Gesicht – heller Rahmen, helles Gesicht – dunkler Rahmen“. Aber nein, die Antwort war viel einfacher: Die dunklen Metallrahmen waren ein Sponsoring des Auftraggebers 😉

Auch die Portraits einiger Menschen aus Betrieben der Region waren interessant. Hier allerdings eher deswegen, weil die Fotos auf den ersten Blick den typischen Selbstportraits ähnelten: Man posiert vor (!) dem Betrieb oder dem Hauptarbeitsfeld, und die Camera blickt von unten zu den Menschen auf. Das möglichst noch im Weitwinkel und von ganz nah, damit die Menschen etwa gleich groß (oder größer) wie das Werkstück erscheinen. Sowas hat ja eine psychologische Komponente! Was jeder Hobbyknipser vielleicht sogar ähnlich abgebildet hätte, wird bei einem gelernten/studierten Fotografen unerwartet zu Kunst. Sollte es sich dabei etwa doch (nur) um eine Frage der Sichtweise handeln, also im wahrsten Sinne des Wortes um Ansichtssachen?

Auf jeden Fall hat sich der Besuch gelohnt. Abgesehen von ein paar alten Bekannten, die ich dabei getroffen habe, werden einige Bilder mich in Zukunft sicher auch für meine eigenen Arbeiten inspirieren.

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