Die Perserin

Die PerserinDie Begegnung mit der graugestreiften Schiffskatze war zwar schon viele Tage her, doch immer noch gingen mir die Bilder durch den Kopf. Ihre Erlebnisse erschienen mir im Nachhinein geradezu „unglaublich“. Fast könnte man meinen, es sei reinstes Seemannsgarn gewesen, doch irgend etwas an ihr sagte mir, dass nicht alles frei erfunden war. Sicher waren einige Aspekte im Laufe der Zeit durch ihre reichliche Fantasie ausgeschmückt worden, aber das ist bei Geschichten im allgemeinen ganz normal. Doch die Reisen, die sie mir auf Carls Schiff schilderte, die waren sicher real. Auch die Abenteuer gab es bestimmt, da schien sie mir ehrlich gegenüber gewesen sein. Ihre Beziehung zu Rotbart hingegen, da war vielleicht der Wunsch eher Vater des Gedanken. Doch was sie über ihre Wahlschwester erzählte, das erschien mir dann doch zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Ja, wirklich, an den Haaren, denn es ging um eine schneeweiße Perserkatze mit samtenem Fell und blitzenden Augen. Eine Perserkatze auf einem Schiff?

Sie tauchte eines Morgens an Deck auf und keiner wusste, wo sie her kam. Wir ankerten weit vor der Küste, weil der Captain sich nicht mit dem Hafenkommandanten anlegen wollte. Irgendeine alte Geschichte. Dass die Menschen immer so nachtragend sein müssen! Manchmal frage ich mich, wie diese Spezies es geschafft hat, so lange zu überleben. Wir Katzen haben da ganz andere Sitten. Wir tragen einen Streit aus, und dann ist er vergessen.

Keiner glaubte, dass Perser schwimmen können, aber wie auch immer, da war sie nun mal. Und wie! Ihre Präsenz war fast sofort allen anderen bekannt. Die Menschen kamen reihenweise, um ihr samtenes Fell zu streicheln, und auch Rotbart konnte sich ihres Zaubers nicht erwehren.

Hörte ich da Eifersucht in ihrer Stimme? Und in der Tat, ihr Körper spannte sich etwas, als sie diese Worte sprach. Ich tat so, als ob ich nichts bemerkt hatte, ich glaube, es war besser so. Wie gesagt, das ist viele Tage her.

SteinreichEs geht die Sage, dass ein erzürnter Troll einst die Schweden mit Felsen bewarf, weil er sich über sie geärgert hatte. Jedenfalls gibt es trotz des großen Waldreichtums in Skåne genügend kleine und große Steine, die die Bewohner teilweise sogar als Grundstücksmarkierung sammeln und ähnlich einer Mauer aufhäufen. Die Gegend hier wird daher zu Recht „stenrik“ genannt, „steinreich“, und das ist wörtlich zu verstehen. Ein wenig Selbstmitleid schwingt dennoch in diesem Wort mit, denn die doppelte Bedeutung als „sehr reich“ muss leider verneint werden. Es gab eine Zeit, in der viele Schweden auswanderten, weil das Land für die Landwirtschaft zu wenig Ertrag erbrachte, um alle Bewohner zu ernähren. Das Wortspiel funktioniert übrigens in beiden Sprachen! Es scheint tatsächlich eine geheimnisvolle Verbindung zu geben, von der die Ähnlichkeiten der Sprachen nur eine winzige Auswirkung sind. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb mich die alten Geschichten aus meiner nordhessischen Heimat bis hierher nach Skåne verfolgen.

Ich saß also wieder auf meinem Stein, schaute in die Natur und träumte vor mich hin. Ein zartes Stimmchen weckte mich aus meinen Gedanken und mein Blick fiel auf ein wuschiges kleines Etwas zu meinen Füßen. Aus diesem Fellball blickten mich zwei stahlblaue Augen direkt an. So, sagte sie leise und sogar etwas amüsiert, du glaubst also nicht an meine Existenz? Ich wusste nichts zu erwidern und sah sie nur fragend an. Du solltest wissen, dass einige von uns Gedanken lesen können, sagte sie. Blödsinn, dachte ich, und wollte schon ein spöttisches Lächeln aufsetzen, da öffnete sie ihr Maul und ließ ein kurzes Fauchen hören. Telepatische Katzen also, das auch noch. Na, es gibt Dinge in der Natur, die wir Menschen wohl nie verstehen werden.

Glaube mir, es gibt mich wirklich, und alles, was deine Freundin dir erzählt hat, hat sich wirklich zugetragen. Naja, vielleicht nicht gerade so, aber im Grunde schon. Was soll ich sagen, ich glaubte ihr. Allein ihr Erscheinungsbild vermittelte mir den Eindruck, dass ich hier einer größeren Sache auf der Spur war. Wie unwahrscheinlich ist es, dass eine Schiffskatze aus einer lange vergessenen Geschichte plötzlich vor mir auftauchte? Aber zwei? Wer weiß, vielleicht kommt demnächst noch Rotbart von einem Baum herunter und ich muss mir die Geschichte von dem Hai nochmal anhören?

Hey, hörst du mir überhaupt zu? Entschuldige, sagte ich, ich war in Gedanken. In Gedanken auf Carls Schiff. Wie ging es weiter, als du plötzlich an Bord aufgetaucht bist? Und sie erzählte. Wie gesagt, Katzen sind eigentlich nicht geschwätzig, aber wehe, wenn sie losgelassen …

Mooooment! Sie imaginärer Leser, was höre ich da? Katzen können nicht sprechen? Das glauben Sie! Vielleicht haben Sie einfach nur noch nie richtig zugehört.

Ein Gedanke zu „Die Perserin

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