Knipskistenversteher

Oh mein Gott, wie bin ich bloß hier reingeraten? Lauter kleine silberne Kästen, einer komplizierter als der andere, jeder anders zu bedienen, aber die wirklich wichtigen Dinge sind dabei kaum zu finden – wenn sie überhaupt existieren.

Dabei fing alles ganz harmlos an. Im Fotoclub war von ein paar Gästen der Wunsch zu hören, es müsste ihnen doch endlich mal jemand ihre Camera erklären. Diese Dinger seien ja so kompliziert! Na gut, als hilfsbereiter Mensch sagt man nicht nein. Ein paar gleichermaßen vom Pfadfindergedanken beseelte Fotofreunde finden sich schnell, und so wird in der spontan gegründeten Kleingruppe flugs ein Seminarkonzept ausgeheckt. Auch Blende, Verschlusszeit, Weißabgleich und vielleicht noch ein paar andere „Basics“ sollen gleich zur Sprache kommen, wenn die Kundschaft schon Lernwilligkeit demonstriert. Die Gelegenheit ist günstig, es gibt viel zu tun. Schließlich fühlt man sich ja schon einem gewissen gemeinnützigen Auftrag verpflichtet, auch wenn man kein „gem. e.V.“ ist. Und soooo schlimm können diese kleinen Dinger ja auch nicht sein, wo man doch die komplizierte Spiegelreflexcamera aus dem Effeff beherrscht, samt in der Mittagspause eiligst durchgelesener Bedienungsanleitung – na sagen wir lieber „überflogen“. Wir Überflieger halt 🙂

Gesagt – getan. Die Ankündigung ist schnell geschrieben, Homepage und Zeitung informiert. Da werden schon ein paar Leute kommen, aber so viele sicher nicht. Die meisten sind ja, das gestehen wir uns frustrierterweise schnell ein, doch nur an schnellen Knipsbildern im Vollautomatikmodus interessiert. Doch erstens kommt es anders, und zweitens …

Nachdem sich per eMail nur eine Handvoll Interessenten gemeldet hatten, lästerte ich schon rum „wird ja echt voll werden“. Da gesteht mir mein Kollege überraschend, dass er weitere 15 Anmeldungen per Telefon erhalten habe und den ersten schon abgesagt hat. Oh Mann, auf was haben wir uns da nur eingelassen?

Full House oder Flash

Der Clubraum ist normalerweise mit den zwischen 10 und 20 Anwesenden schon recht gut gefüllt. Mehr brauchten wir nicht, dachten wir jedenfalls. Nun platzt der Raum aus allen Nähten! Der Wirt freut sich, er macht vermutlich das Geschäft des Jahres, und wenn noch Platz genug für Teller gewesen wäre, hätte er sich vom Gewinn sicher zur Ruhe gesetzt und wir hätten uns ein neues Clublokal suchen müssen. Doch gut, dass es so eng war 😉

Nach einer überaus langen einleitenden Rede des stellvertretenden Vorsitzenden wider Willen – der „echte“ glänzt schon länger durch konsequente Abwesenheit (ausgenommen Pressetermine), aber darin ist er schon so geübt, dass ihn gar keiner mehr vermisst – und ein paar Worten des inoffiziellen Seminarleiters wird der Raum abgedunkelt und es folgt eine kurze Einführung in die wichtigsten Grundbegriffe „Zeit und Blende“. Bestimmen diese doch zu einem wesentlichen Teil das spätere fotografische Ergebnis. Die knallgelben Buchstaben leuchten auf der ansonsten dunklen Leinwand wie Flammen im Kamin, der dunkle Raum tut ein übriges und man hört das gelegentliche knacken der Holzscheite … oh Verzeihung, der Fingerknochen des Vortragenden – oder war’s doch nur ein Mausklick? 😀

Dann geht es in medias res, will heißen, die mitgebrachten Gerätschaften werden beäugt. Vorher geht noch das Licht an, aber trotz unverkennbarem kollektivem Augenreiben scheint keiner eingeschlafen zu sein. Daran müssen wir noch arbeiten. Zur Sicherheit ging an alle Interessenten vorher die Losung heraus, doch möglichst die Bedienungsanleitungen mitzubringen. Schließlich kann niemand alle Cameras dieser Welt kennen. Und es gab in der Tat keine zwei gleichen Modelle. Doch entweder das Wort „möglichst“ wurde missverstanden, die Anleitung wurde „verlegt“, oder auch in diesem Punkte unterscheiden sich moderne Geräte von den Althergebrachten Marke „Deutsche Wertarbeit“. Jedenfalls brachte kaum einer die notwendige Lektüre bei, so dass gemeinschaftliches Experimentieren angesagt war.

Intuitive Bedienung

In der modernen EDV im 1. Jahrhundert nach Zuse gilt „intuitive Bedienung“ als ein Synonym für „klick halt mal etwas rum, du wirst schon sehen was du davon hast“. „Plug and Pray“ ist ein ähnlicher Euphemismus. Diese Philosophie scheint inzwischen auch in moderne Minidigiknipskisten Einzug gehalten zu haben. Bedienelemente so klein, dass man Kinderfinger oder Kugelschreiber braucht, um nicht zwei gleichzeitig zu drücken. Und eine Lupe um die Beschriftungen (resp. die „Icons“) zu lesen. Kein Wunder, große Geräte gelten ja automatisch als antiquiert, mühsam zu schleppen und vor allem langsam. Dem passt die Industrie sich gerne an, steigen doch die Verkaufszahlen von Digitalcameras jedes Jahr beeindruckend an, besonders vor Weihnachten. Den Leuten kann man keinen Vorwurf machen, was es nicht zu kaufen gibt, kann man schwerlich erwerben. Und was man nicht kennt, fehlt einem auch nicht. Folglich fordert man es nicht und somit wird es auch in der nächsten Generation nicht vorhanden sein. Das sind die Gesetze des Marktes, der Kreis schließt sich. Aber irgendwie fehlt einem da was. Das nennt man, glaube ich, Marktlücke.

Kleine Sachen sind „cool“. Wenn die ganze Dunkelkammer in einen Damenschuh passt, ist das an „Coolness“ kaum noch zu übertreffen. Oder unter das Strumpfband. Nebst Fuß der Dame, versteht sich (im Schuh, nicht im Strumpfband). Damenschuhe sind ja bekanntermaßen innen größer als außen (Strumpfbänder nicht), und das sogar ohne Mr. Weasleys Innenraumvergrößerungszauber. Obwohl, man weiß ja nicht. (Fragen Sie mich jetzt bitte nicht, wie die Dame die Miniknipse dann zwecks planmäßiger Verwendung aus ihrem Schuh rauspult, ohne sich dabei auf den Allerwertesten zu setzen!)

Aber zurück zum Clubraum. Da erzählt man powerpointunterstützt von wichtigen theoretischen Grundlagen, vom Wert von Zeit und Blende und den Auswirkungen auf die Aufnahme, und dann will man am lebenden Objekt demonstrieren, wie das geht … und es geht nicht. Hätte der Gentleman in mir nicht den größten Teil der Sicherungen rausgedreht, mir wäre sicher der eine oder andere herzhafte Fluch über die Lippen gekommen. Aber der Gentleman genießt und schweigt. Warum zum Teufel bauen die Schwachköpfe 47 Motivprogramme in die Cameras ein, aber keine einzige Einstellung für Zeit, Blende oder gar „Manuell“.

Vitamine

Nun gut, alles Fluchen hilft nichts, also weitersuchen. Irgendwann sind dann tatsächlich ein paar Exemplare zu finden, die über diese Einstellungen wenigstens ansatzweise verfügen. Das eine Modell kann immerhin die Belichtung korrigieren (plusminus ein paar Blendenstufen). Das andere hat eine Blendenvorwahl, während jedoch weit und breit keine Einstellung für die Belichtungszeit zu finden ist. (Bei Strumpfbändern übrigens auch nicht.) Und ein Modell (von den DSLRs mal abgesehen), eine Bridgecamera, hat tatsächlich die lebenswichtigen Vitamine P, S, A und M im Gehäuse, einträchtig neben den unvermeidlichen Motivprogrammen versteht sich. Ob der beeindruckenden Schlichtheit dieser vier Buchstaben schießen mir doch glatt die Tränen in die Augen. Dass ich das noch erleben durfte! Jetzt kann man wenigstens die besprochenen Kleinigkeiten zeigen, und die anschließend auf dem Notebook zu berachtenden Testbilder lassen besser als auf dem Miniknipskistenminimonitor erkennen, wo die Schärfe liegt, dass das Bild verwackelt wenn die Verschlusszeit zu lang ist, und dass wild gestikulierende Fotofreunde die besten Motive sind, besonders bei Langzeitbelichtungen 🙂

Fazit

Alle haben etwas gelernt. Unsere Gäste kennen ihre Cameras nun etwas besser und haben hoffentlich auch ein wenig über das Wesen der Fotografie mitgenommen. Und die Referenten haben erkannt, dass man mit unbekanntem Gerät besser keine Schulung vorbereitet und vor allem, dass man nichts als selbstverständlich voraussetzen darf. Überflüssig zu erwähnen, dass der Kollege, der sich die Gruppe der DSLRs gesichert hatte, am meisten Spaß hatte. Auch ohne Strumpfband.

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