Fremdbestimmung

Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, dass irgend etwas Unerklärliches in der Welt vor sich geht.

Ach, das ist nur die ganz normale Paranoia. Die hat jeder im Universum!

Arthur Dent und Slartibartfaß

Ja, es hat wirklich den Anschein, als hätte alles mit der Paranoia angefangen.

In der guten alten Zeit, als kleine haarige Kreaturen von Alpha Centauri noch kleine haarige Kreaturen von Alpha Centauri waren, als Sätze zwar ins Unendliche verlängert, jedoch Compact-Cassetten noch nicht beliebig oft kopiert werden konnten, da waren noch alle froh und zufrieden … mit ihren Einnahmen. So zufrieden, dass sie bedenkenlos dem sogenannten Recht auf Privatkopie zustimmen konnten, denn was konnte schon groß passieren? Jede Kopie musste schlechter sein als ihr Vorgänger, und so nahm alles ein natürliches Ende.

Nach der digitalen Revolution jedoch setzte sich langsam die Erkenntnis durch, dass digitale Inhalte ganz anders verwendet werden konnten, als früher. Das setzte Begehrlichkeiten in Gang, die letztlich zum Ende des Universums führen sollten. Des Medienuniversums. Aber ich greife vor, beginnen wir von vorn.

Vielleicht hat alles damit begonnen, dass gewisse Dinge durch die Digitaltechnik überhaupt erst möglich geworden sind. Wie zum Beispiel das verlustlose Kopieren. Zu Zeiten der Compact-Cassette war es quasi undenkbar, eine Kopie von einer Kopie zu machen, da jede Kopie immer ein klein wenig schlechter war als das Original. Verfolgte man das gedanklich weiter, so musste früher oder später aus den vormals geordneten Tönen nur noch eine Kakophonie übrig bleiben. Heute wird statt dessen ein anderer Ansatz verfolgt: Die Kakophonie ist quasi Bestandteil des Konzeptes, manche „Musik“ klingt von vornherein furchtbar. Dadurch wird das Ergebnis eines aufwändigen Kopiervorganges vorweggenommen und dem Hörer eine Menge Arbeit und Belästigung erspart.

Auch die Langspielplatte als wichtigster Datenträger hatte und hat so ihre Macken, was aber von einigen Puristen auch heute noch als „Charme“ angesehen wird. Addiert man diesen Charme zu dem Charme des verlustbehafteten Kopierens auf Compact-Cassetten, dann kann man sich vorstellen, dass in der technischen Steinzeit zwar hervorragende Musik gemacht wurde, jedoch kaum einer diese wirklich hören konnte. Heute ist das im Grunde nicht anders, nur die Gründe sind andere. Heute wird weniger gute Musik gemacht, aber hören kann sie auch kaum jemand, denn sie ist digital geschützt. Im Ergebnis also nicht wirklich unterschiedlich. So ist auch der Begriff „Musikindustrie“ sehr gut gewählt, denn das Hauptmerkmal der industriellen Produktion ist die Gleichartigkeit der Produkte.

Betrachten wir nun die Entwicklung auf dem Musikmarkt, dann fällt auf, dass inzwischen einige Verteilerstellen auf den Kopierschutz wieder verzichten. Was auch immer nun der Grund für den Sinneswandel ist, die „Filmindustrie“ (sic!) sieht sich offenbar gezwungen, deren Fehler zunächst nachzumachen. Warum nur sollte das Ergebnis auch dasselbe sein? Schließlich ist Film und Musik ja etwas gaaanz anderes!

Apropos Wiederholung: Erinnert Ihr Euch noch an „Premiere“? Was war nochmal das Geschäftsmodell und was ist mit denen passiert? Bei HD+ sieht das Konzept sehr ähnlich aus, aber auch das ist ja etwas gaaanz anderes!

Am Gängelband

Etwas, das durch die Digitalisierung der Welt erst möglich wurde, ist auch die Gängelung des Zuschauers. Auch bei der Wiedergabe von in HD-Qualität aufgenommen Sendungen muss zum Beispiel die Werbung angeschaut werden! Man kann nicht einfach mal vorspulen, wie seinerzeit bei der Video-Cassette, oder das Band an einer Stelle stehen lassen und später dort weiter gucken. Nein, hier wird das ganze Heimkinoerlebnis vollumfänglich erzwungen! Wer gute Qualität haben will, soll auch dafür bezahlen!

Notfalls mehrfach. Denn zum Anschauen hochauflösender Bildsignale ist zunächst einmal eine Decoderkarte, z.B. eine HD+-Karte, erforderlich. Diese enthält wichtige Dinge, die für die Entschlüsselung der codierten Inhalte erforderlich sind. Ohne würde man bestenfalls besagte digitale Kakophonie hören und sehen (Rauschen und Schnee), hinterher … manchmal auch.

Man finanziert also auf Jahresbasis mit 50 € das, was früher einmal „kostenlos“ zu haben war. Streng genommen war es natürlich niemals kostenlos, denn es war ja werbefinanziert. Aber wenn keiner die Werbung anschaut, weil die Leute dann immer aufs Klo rennen oder die FF-Taste am Recorder drücken, dann klappt es mit dieser Finanzierung natürlich nicht.

Somit werden die Zuschauer zwar nicht gezwungen, einen Film dann zu schauen, wenn er gesendet wird, aber wenn sie das später tun wollen, müssen sie nolens volens die Werbung ebenfalls schauen. Sie bezahlen also doppelt: Durch die HD+-Jahresgebühr und durch das Anschauen der Werbung in Verbindung mit dem Kauf möglicherweise unnötiger Dinge. Die Kaufleute würden es wohl „Mischkalkulation“ nennen.

Und wozu das alles?

Wenn es nur um den Schutz vor unerlaubten Kopien ginge, hätte ich sogar noch Verständnis für einige dieser Einschränkungen. Wenn ich einen guten Film sehe oder gute Musik höre, dann ziehe ich es vor, mir auch das Original zu kaufen. Das hängt für mich im wesentlichen damit zusammen, dass ich den Künstlern, die gute Sachen machen, auch ihren Verdienst gönne. Sachen die mir nicht gefallen, kaufe ich einfach nicht (kopiere sie dann aber ebenfalls nicht). Gute Arbeit — gutes Geld. Schlechte Arbeit — kein Geld.

Kurz vor Weihnachten passierte jedoch etwas, das mein Verständnis von Fairness auf eine harte Probe stellte: Nach einem regulären Firmwareupdate meines HUMAX nano (Satellitenempfänger) weigerte sich das gesamte AV-System, noch irgendeine Sendung wiederzugeben. Statt dessen wurde auch bei Sendern, die gar nichts mit HD+ zu tun haben, eine Fehlermeldung angezeigt. Nachdem ich verschiedene Komponenten gewechselt bzw. ausgetauscht hatte, stellte sich heraus, dass es offenbar genau diese bestimmte Kombination aus dem Nano mit der neuen Firmware, dem HDMI-Kabel und dem Endgerät gab, wo nichts funktionierte. Mein Endgerät mit dem Kabel eines anderen Herstellers sowie ein anderes Endgerät mit meinem Kabel funktionierten, ebenso wie alles vor dem Firmwareupdate auch funktioniert hat. Und das, obwohl man ja nun beim Empfang eines Astra-Senders nicht von umgangenem Kopierschutz reden kann. Nichts ist manipuliert, nichts ist angezapft und unmittelbar vor dem Firmwareupdate lief noch alles wunderbar. Nicht mal das Gerät wurde angefasst. Wenn mein Fachhändler mir kein Ersatzgerät zur Verfügung gestellt hätte, hätten die Weihnachtsfeiertage furchtbar enden können: Statt tollen Filmen in HD nur Kaffeekränzchen, Kekse und besinnliche Lieder absingen 🙂

Und was sagt der Support? „Tut uns leid, wir haben momentan keine Lösung dafür.“

Und jetzt stellen wir uns mal vor, dass man alle diese tollen Geräte inzwischen auch ans Internet anschließen kann. Da soll man nicht die Paranoia kriegen.

Gibt es eigentlich Virenscanner für Blu-Ray-Player und Sat-Receiver?

 

Dieser Artikel ist stark durch „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams inspiriert worden und verwendet dementsprechend einige Zitate (durch Kursivschrift hervorgehoben) aus den Büchern.

 

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