Die Zeit steht still

Anri Sala: Clocked Perspective

Am Ende des Hirschgrabens steht die Zeit. Anri Sala hat sie dort hingestellt, aber irgendetwas stimmt damit nicht. Die Zeit geht nicht, sie steht. Nicht hingestellt also, sondern abgestellt. Und sie steht nicht nur, sie steht auch falsch. Irgendwie schräg.

„Tempus fugit — amor manet“ sagt ein altes lateinisches Sprichwort, „die Zeit vergeht, die Liebe bleibt“. „As time goes by“ singt Frank Sinatra in „Casablanca“. Und Heraklit wird „panta rhei“ zugeschrieben. Die Zeit vergeht, da sind sich alle einig. Aber nicht bei uns, nicht auf der dOCUMENTA(13).

Wir kennen das: Betrachtet man einen vertrauten Gegenstand aus einem sehr seitlichen Blickwinkel, erscheint er uns irgendwie verzerrt, eben „perspektivisch“. Verwirrend ist aber, wenn der Gegenstand auch bei normaler Betrachtung von vorn perspektivisch verzerrt wirkt, weil er so konstruiert ist. Das kann als ein physikalisches Kuriosum schon per se als Kunst bezeichnet werden, eben weil es anders ist, irgendwie witzig. Straßenmalerei funktioniert auf diese Weise. Aus einer bestimmten Betrachtungsrichtung erscheint das Werk dreidimensional. Verwirrend.

Verwirrend?

Ja, irgendwie schon. Verwirrend auch der Titel des Kunstwerkes: „Clocked Perspective“. Nicht etwa „perspective clock“, „perspektivische Uhr“, das wäre ja zu einfach. Nein, auch hier die Verzerrung, sprachlich ebenso wie optisch: Clocked Perspective, „getaktete Perspektive“.

Wenn man am Hirschgraben entlanggeht, über die Brücke auf die andere Seite, dann erscheint die Uhr wiederum anders. Immer noch falsch, aber nicht mehr ganz so falsch. Der verwirrende Eindruck bleibt, auch wenn man die Physik vielleicht versteht.

Verwirrend vor allem, weil während des ganzen Weges — der immerhin eine Viertelstunde dauerte — die beiden gleich langen Zeiger sich nicht von der Stelle gerührt haben. Geht man jedoch auf die documenta, ist die Verwirrung nicht mehr ganz so groß. Denn wie schon an anderer Stelle gesagt, ist es das Andersartige, das man hier geradezu erwartet. Das Andere ist hier normal. Normal ist anders. Kunst ist einfach anders. Anders, aber nicht immer einfach.

Tempus fugit — amor manet. Am Ende des Hirschgrabens ist es immer 8 Uhr, dort steht die Zeit. Und was ist mit der Liebe? Läuft’s da wenigstens?

8 Uhr. Wir sollten uns beeilen, die Teegesellschaft wartet. Hat jemand das Kaninchen gesehen?

Geo: N51.30000 E9.49734

Kommentar verfassen